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Alexander Bühler
Alexander Bühler

Blog von Alexander Bühler, Mitarbeiter Malteser International

Sonntag, 22.08.2010

Letzter Tag - zumindest für dieses Mal - in Pakistan.
Gestern abend rief Markus Löning, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, die deutschen NRO zu einem Treffen im Hotel Serena zusammen. Bei einem Saft informierten ihn die erschienen Organisationen über die Lage aus ihrer Sicht und schilderten die größten Schwierigkeiten bei der Arbeit. Ganz deutlich trat dabei das Transportproblem zutage: Wie soll man Hilfsgüter in viele nur schwer zugängliche Regionen bekommen? Wie soll man so vielen von der Flut betroffenen Menschen helfen? Branko Dubajic schilderte dabei recht deutlich die Dimensionen: Allein um die Nahrungsmittelknappheit zu bewältigen, müssten tausende Kubikmeter Nahrungsmittel jeden Tag transportiert und verteilt werden. Doch neben der finanziellen Hilfe durch die Bundesregierung wurde ein weiterer Lichtblick genannt: Das THW schickt eine Trinkwasseraufbereitungsanlage nach Pakistan.

Ansonsten ging der heutige Sonntag wie im Handumdrehen herum. Noch einmal letzte Gespräche mit Branko Dubajic und Christopher Bender über die Projekte, packen und dann heute nacht zum Flughafen, der Flieger geht um vier Uhr nachts. ich werde Pakistan und die vielen freundlichen Pakistaner vermissen - trotz der Kürze der Zeit entwickelten sich Freundschaften wie die mit Yahkoub, der mir unbedingt eine Jacke und Mütze aus seinem Heimatdorf schenken will, wenn ich wiederkomme.

Freitag, 20.08.2010

Gegen Mittag besichtigen wir noch die Hallen, die sich bald mit weiteren Non-Food-Kits füllen sollen. Die ersten 25 Kits liegen schon da: Kochgeschirr, Hygienepacks mit Seifen, Handtüchern, Matte und vielem mehr.

Dann die Abfahrt - und ich fange trotz Fahrtwind ziemlich schnell an zu schwitzen. Pakistanische Fahrer sind nicht zimperlich: Langsamere Verkehrsteilnehmer wie Fahr- oder Motorräder werden zur Seite gehupt und gedrängt. Ganz häufig sind drei Autos nebeneinander auf der Fahrbahn.

Auf dem Rückweg kommen wir an einer der großen Brücken über den Swat vorbei - und ich muss unseren Fahrer Assif bitten anzuhalten, weil ich meinen Augen kaum trauen kann. Etwas weiter flussabwärts ragt das Brückenteil, das davon geschwemmt worden ist, wie ein gestrandeter Wal aus dem Wasser hervor, die Kinder springen von dort in die Fluten. Und auf einem der Teile, die noch stehen, haben findige Pakistaner eine Seilbahn eingerichtet, wie an zahlreichen Flüssen im Norden Pakistans. Für ein paar Rupien kann man in eine Art Korb - wie eine Gondel - einsteigen, und sich zum anderen Ufer rüberkurbeln lassen.

 

Donnerstag, 19.08.2010

Am Morgen erfahre ich von Doktor Tariq, dass er Malteser-Gesundheitspromotoren in das Dorf geschickt hat, wo wir gestern wegen der AWD-Infektion waren. Sie haben die Bevölkerung auf das Problem aufmerksam gemacht, 10.000 Wasserreinigungstabletten und 600 Stück Seife verteilt. Seife ist - so seltsam sich das für unsere Ohren anhört, hier im Lande ein Problem. Für die Armen ist sie zu teuer - und gilt für sie als Luxusgut, das sie lieber zuhause irgendwo hinlegen, anstatt es zu benutzen.

Der Malteser Projektmanager Kashif Inam hat unterdessen das Assessment für die Nahrungsmittelverteilung abgeschlossen. Mit seinen Mitarbeitern ist er in die Dörfer gefahren, die erreichbar sind und hat dort die Familien besucht, die am schlimmsten betroffen sind. Er zeigt mir Fotos von Flüchtlingslagern, die vom Standpunkt des Betrachters nah wirken, nur zwei Bergrücken weiter. Luftlinie vielleicht ein Kilometer. Und doch unerreichbar, denn von der Straße aus wären es vielleicht 10 Kilometer, die erwandert werden müssten, bergauf, bergab. Also muss er sich auf eine Kontaktperson verlassen, die aus der Jirga vor Ort stammt, aus dem Dorfrat. Und über diesen erfährt der Projektmanager, welche Schäden im Dorf vorhanden sind, wieviele betroffen sind.

Am Abend sind noch der Programmmanager aus Islamabad, Branko Dubajic, und Christoph Bergner eingetroffen - gerade noch rechtzeitig für Iftar, das Ende des täglichen Fastens. Gemeinsam mit den Ärzten haben wir das Essen zu uns genommen und auf dem Rückweg konnte ich dann noch ein wunderschönes Wetterleuchten über der von Bergen eingeschlossenen Stadt beobachten.

 

Mittwoch, 18.08.2010

Es geht ins Swat-Tal. Um 4:30h morgens stehe ich auf, es ist noch dunkel. Assif und ich fahren über die Autobahn Richtung Peschawar, an den Mautstellen stehen immer wieder Männer mit Sammelbüchsen für die Flutopfer. Anschließend geht es Richtung Norden, ins Swat-Tal. Überall Kontrollstellen der Armee wegen der Taliban, Polizisten untersuchen das Auto.

In Mingora treffen wir Doktor Tariq im Projektbüro der Malteser, das direkt neben den Ruinen eines alten buddhistischen Tempels liegt. Er ist vor allem für die medizinische Hilfe zuständig, leitet die hiesigen Ärzteteams der Malteser. Mit ihm fahre ich zu einer der unterstützten Gesundheizsstationen hoch, am Wegesrand überall die Spuren der Zerstörung. Zerstörte Brücken, riesige Felsbrocken, die der Fluss mit sich geschleppt hat, Erdrutsche und eingestürzte Häuser. In der Gesundheitsstation selbst: Ein Arzt für Männer und Kinder, eine Hebamme für Frauen, Krankenpfleger, ein MTA, ein Gesundheits- und  ygiene-Berater. Und vor allem: Ein Apotheker. Dr. Tariq klopft ihm in seiner Apotheke vor der Station anerkennend auf die Schulter: „Sogar als das Gebiet von den Taliban besetzt war, hat er weiterhin Medikamente ausgegeben, er hatte als einziger weit und breit immer noch geöffnet!“ Der Apotheker lächelt verlegen - aber freut sich über die Anerkennung.

Ein paar Kilometer weiter in einem Dorf: Hier wohnt der Mann, bei dem AWD festgestellt wurde. AWD (Acute Watery Diarrhea) ist ein Durchfall, bei dem man sehr schnell Körperflüssigkeit verliert und so sehr austrocknen kann, dass man daran stirbt. Und gerade in chaotischen Zeiten wie diesen, wo die Hygiene hintangestellt wird, kann das sehr schnell eskalieren - das ist die große Angst. Dr. Tariq geht es zunächst darum zu erfahren, wie der Mann sich infizierte. Im Gespräch erfährt er, dass der mittlerweile Geheilte sein Wasser aus einer bestimmten Quelle bezogen hat, die am Fluss liegt. Kinder baden dort, aus einem Plastikrohr in einer Erdwand daneben sprudelt das Wasser hervor, ein Junge füllt ein Gefäß, um es seiner Familie zu bringen. „Bei solchen starken Regenfällen wie während der Flut,“ erklärt Dr. Tariq, „werden die menschlichen Exkremente sozusagen in die Erde ‚reingedrückt‘, laufen ins Trinkwasser und verschmutzen es.“ Zum Schutz davor geben die Malteser Wasseraufbereitungstabletten an die Bevölkerung aus, mit denen sie ihr Trinkwasser desinfizieren können.

Wir fahren weiter, zu einer mobilen Krankenstation der Malteser. Um die Flüchtlinge besser zu erreichen, warten die Malteser nicht ab, bis sie zu ihnen kommen, sondern suchen sie direkt auf. Auf dem Weg kommen wir an einem Erdrutsch in einem Dorf vorbei. An dem Berg weiter oben hatte sich während der Regenfälle die Erde gelockert und riss auf dem Weg ins Tal alles mit sich, was im Weg stand. Ein paar Eisenstangen und Betonbrocken sind noch dort zu sehen, wo eine Moschee und ein paar Häuser standen. „Es war zur Gebetszeit, als der Erdrutsch losbrach“ sagt ein Dorfbewohner. „Die Menschen dort und in den Nachbarhäusern hatten keine Chance.“ 15 Menschen sind ums Leben gekommen, zwei werden noch vermisst...

In der Schule, in der die Flüchtlinge untergekommen sind, untersuchen Ärzte sie, geben Medikamente aus. Dutzende von ihnen müssen in den kleinen Räumen schlafen. In den nächsten Tagen werden die Ärmsten unter ihnen auch so genannte NFI-Kits erhalten, Non Food Items - Kits. Darin enthalten sind Planen, Decken, Töpfe, Geschirr, Seife, Handtücher, - alles, damit Familien die Körperhygiene aufrecht erhalten können und nicht erkranken. Parallel wird auch in einem ersten Anlauf Bargeld an sie ausgegeben werden, damit sie sich Lebensmittel kaufen können. Wenn sich die Lage etwas beruhigt hat, werden die Malteser eine Lebensmittelausgabe organisieren. „Unser Problem ist,“ sagt Dr. Tariq traurig, „dass wir nur die Leute hier erreichen können. Ins obere Swat-Tal dagegen, kommen wir erst gar nicht, weil die Straßen durch Erdrutsche und das Wasser unpassierbar sind.“ Tatsächlich sind ganze Ortschaften vollkommen abgeschnitten, die Lebensmittelversorgung kann nur durch Abwürfe aus Hubschraubern organisiert werden. Und niemand weiß, wie dort die gesundheitliche Lage aussieht.

Um mir zu zeigen, wie sehr die Flut alle Bereiche des Swat-Tals beschädigt hat, führt mich Dr. Tariq noch zur ehemaligen Sommerresidenz der Könige des Tals. Bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war das Swat-Tal noch ein Königreich. Mehrere Anbauten wurden hier von der Flut weggerissen, die Wege sind zerstört, der Rasen, auf dem Gartenmöbel aus weißem Marmor stehen, ist von braunem Schlamm bedeckt. Auf Monate hinaus ist das Ausflugsziel und der Stolz der Bewohner des Swat-Tals unbenutzbar.

Am Nachmittag kehren wir in das Projektbüro der Malteser zurück. Der hiesige Koordinator der UN-Hilfsorganisation OCHA kommt auf einen Sprung vorbei, um mir die Lage zu erklären. „Wir haben viel zuwenige Hubschrauber, um die Bevölkerung zu erreichen“, sagt er. Er rechne zwar damit, dass sich die Situation in den nächsten Tagen stabilisieren könne - aber nur in den Gebieten, die bisher erreichbar seien.

Montag, 16.08.2010

Um zu verstehen, wie die Zerstörung durch die Flut aussieht und wie es den Flüchtlingen geht, fahre ich zu einem Lager in der Provinz Khyber-Paktunkhwa in die Region Nowshera, ca. 150 Kilometer von Islamabad entfernt. Auf dem Weg sehe ich immer wieder Zelte von Flüchtlingen, auf Feldern, am Straßenrand. Von der Brücke über den Indus-Fluss aus sehe ich ganze Wälder, die im Wasser stehen.

Bei der Ortseinfahrt von Mardan warten Yaqoob und ich auf den Arzt, der uns zum Lager führen soll. 200 Meter entfernt steht ein ausgemusterter Kampfjet auf einem Sockel - und davor ein luftiges Zelt, bei dem Flüchtlinge von einer pakistanischen Organisation in Empfang genommen werden.

Die Weiterfahrt führt uns durch einige Marktflecken, durch die wir uns nur mühsam mit dem Auto an wild durcheinander fahrenden Motorrädern, motorisierten Rikschas, LKW, Traktoren mit Anhängern und Eselskarren vorbei quetschen können. Und dann sieht man die Schäden der Flut deutlich: Felder, die mit dem Schlamm der Wassermassen noch zugedeckt sind, wo die angebauten Feldfrüchte langsam verfaulen; Häuser, deren massive Steinwände von der Flut eingedrückt und wie Kieselsteine weggespült wurden.

Beim Lager selbst fällt fröhliches Geschrei auf: Kinder verscheuchen die Gluthitze, indem sie in einem Tümpel mit brackigem Wasser spielen - und auch gleich das gerettete Vieh mit baden. An die Krankheiten, die hier lauern, denken sie nicht. Trotz der Aufklärung, die ein Ärzteteam hier zu leisten versucht. 37000 Menschen werden hier in insgesamt drei Lagern von einer NRO medizinisch versorgt. Ihr Essen kommt allerdings von reichen Leuten aus der Umgebung. Es ist Glück im Unglück, dass während des Ramadan die Verpflichtung besteht, Notleidende nicht im Stich zu lassen.

Viele Flüchtlinge erzählen eine ähnliche Geschichte: Die Flut kam so überraschend, dass sie nur das retten konnten, was sie am Leib trugen, alles andere mussten sie in ihren Häusern zurücklassen, sie sind völlig mittellos. Drei, vier Monate müssen sie nun wahrscheinlich unter Zeltplanen ausharren, bis sie wieder in ihr altes Leben zurückkehren können.

Sonntag, 15.08.2010

Ankunft und Aufwachen in Islamabad.

Es ist fünf Uhr morgens, als ich aus dem Flughafenterminal in Islamabad heraustrete. Schwülheiße Luft und Stimmengewirr empfangen mich, Taxifahrer drängen sich, bieten mir ihre Dienste an. Doch zum Glück steht Yaqoob bereit, einer der Fahrer der Malteser. Mit einem Pappschild, auf dem das Emblem prangt und mein Name steht - bis auf die ü-Tüpfelchen richtig geschrieben. Dankbar lasse ich mich zum Auto bringen. Wir überwinden das Chaos des Parkplatzes, aus dem scheinbar alle gleichzeitig heraus wollen, Fußgänger und Autos. Dann geht es über stockfinstere Straßen und Schlaglöcher zum Büro der Malteser, das auch gleichzeitig als Gästehaus dient. Dort kenne ich nach 12 Stunden Flug nur noch ein Ziel: Das Bett.

Gegen Mittag lasse ich mich von Yaqoob zum Koordinationstreffen der UN-Koordinierungsstelle OCHA bringen, das im Hotel Serena stattfindet. Dort will ich auch den Malteser-Repräsentanten für Pakistan, Dr. Brando Dubajic, und Christopher Bender treffen. Bei der ersten Anlaufstelle der OCHA, die aus Papierstapeln aktueller Landkarten besteht, treffe ich prompt die beiden. Über einem Kaffee erklärt mir Branko die Schwerpunkte der Malteser-Arbeit: Vor allem in Kohistan und dem Swat-Tal wird medizinische Notversorgung innerhalb eines langfristigen Projekts geleistet.

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Klaus Walraf
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